Die Software-Branche frisst sich selber und wer die Daten kontrolliert, überlebt

Was wenn wir in Zukunft die Add-ons für unsere Software einfach selber bauen? Wir haben nur noch die Enterprise-Software, darum aber ein Ökosystem an self-made-Software. Angepasst auf unsere Bedürfnisse und individuell gestaltet.

Veröffentlicht am:

18.03.2026

Fiktive Besprechung mit einem Geschäftsführer. Metallbau, 45 Mitarbeitende. Auf seinem Bildschirm: 14 offene Tabs. Jeder ein anderes SaaS-Tool. ERP hier, Projektmanagement da, Zeiterfassung dort, Bestellapplikationen nochmal woanders. Er schaut mich an und sagt: «Luca, ich zahle für fast alle dieser Tools pro Kopf. Aber meine Leute nutzen die Hälfte davon kaum. Und jetzt höre ich, dass man sich sowas auch selber bauen kann mit KI. Was läuft hier eigentlich?»

Gute Frage. Und die Antwort ist unbequemer, als die meisten Software-Anbieter zugeben wollen.

Das Per-Seat-Modell stirbt. Die Zahlen sind da.

Zwanzig Jahre lang funktionierte die Rechnung elegant: Mehr Mitarbeitende gleich mehr Lizenzen, gleich mehr Umsatz. Die ganze SaaS-Industrie (von Salesforce über Atlassian bis HubSpot) hat auf diesem Fundament ein Billionen-Geschäft aufgebaut.

Dann kommen plötzlich AI-Agents um die Ecke. Und nun erledigt ein einziger Mitarbeiter mit KI-Unterstützung die Arbeit von fünf. Was passiert? Die Firma braucht weniger Köpfe. Weniger Köpfe, weniger Seats. Weniger Seats, weniger Umsatz für den Software-Anbieter. Das Produkt funktioniert besser und zerstört damit sein eigenes Geschäftsmodell. Die Ironie könnte nicht grösser sein.

Dass das kein Gedankenexperiment ist, zeigen die Daten: Im Februar 2026 hat die Softwarebranche innerhalb einer Woche rund 285 Milliarden Dollar an Börsenwert verloren. Nicht wegen einer Rezession, sondern weil der Markt begriffen hat, dass das Seat-basierte Modell strukturell wackeln wird. Apollo Global Management hat seine Software-Exposure in Private-Credit-Fonds von 20% auf 10% halbiert. Und Bain & Company stellt nüchtern fest, dass 65% derSaaS-Anbieter bereits begonnen haben, nutzungsbasierte Preismodelle einzuführen, weil das alte Modell nicht mehr aufgeht.

Gartner prognostiziert, dass bis 2030 mindestens 35% aller Point-Product-SaaS-Tools durch KI-Agents ersetzt oder in grössere Agent-Ökosysteme absorbiert werden. Und bis Ende 2026 sollen 40% aller Enterprise-Anwendungen aufgabenspezifische Agents integriert haben.

Wenn der Kunde sich sein Frontend selber baut

Aber es kommt noch dicker. Denn die Bedrohung für klassische Software-Anbieter kommt nicht nur von AI-Agents, die Seats überflüssig machen. Sie kommt auch von den eigenen Kunden.

«Vibe Coding»,wenn Menschen ohne Programmierkenntnisse mit Hilfe von KI-Tools wie Cursor, Lovable, Replit oder Claude Code funktionierende Software erstellen. In natürlicher Sprache beschreiben, was man braucht. Die KI schreibt den Code. Fertig. Was vor zwei Jahren Wochen gedauert hat, geht heute an einem Nachmittag.

Der Retool Build vs. Buy Report 2026 (basierend auf einer Befragung von über 800 Enterprise-Software-Entwicklern) liefert die Zahlen: 35% der befragten Unternehmen haben bereits mindestens ein SaaS-Tool durch eine selbstgebaute Alternative ersetzt. 78% planen, 2026 weitere Tools in Eigenregie zu bauen. Die am stärksten betroffenen Kategorien: Workflow-Automatisierung, interne Admin-Tools und Business Intelligence. Also genau die Bereiche, in denen viele SaaS-Anbieter ihre Daseinsberechtigung sehen.

Aber vorsicht: Nicht jedes selbstgebaute Tool ersetzt eine Enterprise-Software. Wer denkt, er kann mit Vibe Coding ein zweites Salesforce bauen, hat den Schuss nicht gehört. Sicherheit, Compliance, Skalierbarkeit, Wartung, das sind keine Kleinigkeiten. Aber für viele Use Cases braucht ein Unternehmen gar kein Salesforce. Es braucht ein Dashboard. Eine Übersicht. Ein paar Formulare mit sauberer Logik dahinter. Und genau das kann man heute in einem Bruchteil der Zeit und der Kosten selber bauen.

SaaStr, eine der grössten SaaS-Communities weltweit, arbeitet mittlerweile nach einer 90/10-Regel: 90% der Software von der Stange kaufen, 10% selbst bauen und dort, wo keine passende Lösung existiert oder wo ein bestehendes Tool keine KI-Features bietet. Und sie haben bereits produktive, umsatzrelevante Anwendungen an einem einzigen Tag mit Vibe Coding erstellt. An einem Tag. Völlig verrückt, wenn wir nur schon 3 Jahre zurückgehen.

Wer das Backend kontrolliert, kontrolliert das Spiel

Und jetzt kommt die Frage, die wirklich zählt: Wenn Kunden sich ihre Frontends selberbauen können, was bleibt dann als Wert für den Software-Anbieter?

Die Antwort ist so alt wie die IT-Branche selbst: die Daten. Oder genauer: die Kontrolle über das Backend, über die Dateninfrastruktur, über das sogenannte «System ofRecord».

Jerry Chen von Greylock, einer der renommiertesten Venture-Capital-Firmen im Tech-Bereich, hat es auf den Punkt gebracht: In der Unternehmens-IT gibt es drei grosse Datensysteme: Kundendaten (CRM), Mitarbeiterdaten (HCM) und Vermögenswerte (ERP/Finanzen). Wer eines dieser Systeme kontrolliert, hat einen strategischen Burggraben. Jede Technologiewelle hat neue Gewinner hervorgebracht. Salesforce hat Siebel abgelöst, Workday hat Oracle PeopleSoft verdrängt. Aber das Muster bleibt gleich: Wer die Datenhoheit hat, gewinnt.

Eine aktuelle Analyse von Attainment Labs bestätigt diese Logik mit einem konkreten Framework: Drei Burggräben (Moats) entscheiden darüber, welche Software-Unternehmen die KI-Ära überleben. Erstens ein Data Moat: Generiert dein Produkt Daten, die niemand sonst hat und werden diese Daten mit der Zeit wertvoller? Zweitens Compliance-Infrastruktur: Bist du so tief in regulatorische Anforderungen eingebettet, dass ein Wechsel für den Kunden zum Albtraum wird? Drittens Integration Gravity: Wie tief bist du in die angrenzenden Systeme deiner Kunden eingebunden? Je höher der Score auf diesen drei Dimensionen, desto stabiler die Bewertung, selbst im aktuellen Marktumfeld.

Harbour Vest (ein globaler Private-Equity-Investor) zieht in seiner Analyse vom Februar 2026 eine klare Trennlinie: Die Gewinner sind Unternehmen mit starken Data Moats,operativer Kritikalität und eingebettetem Fintech. Die Verlierer: horizontale CRM- oder Projektmanagement-Tools ohne Branchenkontext oder proprietäre Daten. Embedded Fintech schützt laut ihrer Analyse besonders gut, weil Zahlungsvolumen nicht von der Mitarbeiterzahl abhängen und die Wechselkosten enorm sind.

StackOne, ein Infrastruktur-Anbieter für Integrationen, warnt SaaS-Plattformen vor einem fundamentalen Risiko: Wer sein System nur als API für andere öffnet, ohne selbst nach aussen zu integrieren, wird in der Agent-Ära zum blossen Backend-Datenspeicher degradiert. Die Kontrolle und die Kundenbindung wandern zudemjenigen, der den fähigsten Agent kontrolliert. Vorher warst du die Plattform, auf der gearbeitet wurde. Nachher bist du die Datenbank, die jemand anderes über seinen Agent anzapft.

Stopp. Nochmallesen.

Die Macht verschiebt sich. Weg vom Frontend, weg von hübschen Dashboards und schönen user experiences hin zur Frage: Wer hat die Daten? Wer kontrolliert die Infrastruktur? Wer ist das System of Record, ohne das nichts läuft?

Was heisst das für Schweizer KMUs?

Zurück zu meinem fiktiven Geschäftsführer. Was soll er jetzt tun?

Erstens: Verstehen, dass die Software-Landschaft gerade umgepflügt wird und dass das für ihn als Käufer eine Chance ist. Wer heute SaaS-Verträge verlängert, sollte genau hinschauen: Zahle ich für Features oder für Datenhoheit? Kann ich die Features, die ich wirklich brauche, mit einem KI-Tool in ein paar Stunden selbst bauen? Und wenn ja, brauche ich dann wirklich 14 Tools?

Zweitens: Die richtigen Abhängigkeiten eingehen. Ein ERP-System, das deine gesamte Buchhaltung, Auftragsabwicklung und Lagerverwaltung steuert, wirst du nicht mit Vibe Coding ersetzen und solltest du auch nicht. Aber das Projektmanagement-Tool für 20 Dollar pro Kopf und Monat, das deine Leute eh nur als glorifizierte To-do-Liste nutzen? Da lohnt sich die Frage.

Drittens: Datenhygiene. Das ist der langweiligste und gleichzeitig wichtigste Punkt. Denn egal ob du mit bestehender Software arbeitest oder dir etwas Eigenes baust: Wenn deine Daten ein Chaos sind, hilft dir weder KI noch das teuerste Tool der Welt. Morningstar hat gerade die Moat-Ratings für den gesamten Software-Sektor heruntergestuft und ein Grund dafür ist, dass viele Unternehmen ihre Daten nicht in den Griff kriegen. Wer seine Daten nicht als strategisches Asset behandelt, verliert. Egal auf welcher Seite des Spielfeldes.

Die echte Frage

Die Software-Branche erlebt gerade ihren grössten Umbruch seit dem Wechsel von On-Premise zu Cloud. Per-Seat-Modelle erodieren. Kunden bauen sich ihre Oberflächen selber. Und die wahre Macht wandert dorthin, wo sie in der Technologie immer schon lag: zur Infrastruktur. Zu den Daten. Zum Backend.

Deloitte formuliert es so: SaaS-Anwendungen werden sich zu einer Föderation von Echtzeit-Workflow-Services entwickeln, die lernen und sich anpassen. Die Nutzer interessieren sich immer weniger dafür, welches spezifische Tool sie verwenden sondern immer mehr dafür, ob ihre Ziele erreicht werden.

Für Software-Anbieter heisst das: Wer nur ein hübsches Frontend hat und keineproprietären Daten, keine tiefe Integration, keine regulatorische Verankerung, der wird gefressen. Oder ignoriert. Oder beides.

Für KMUs heisst das: Zum ersten Mal in der Geschichte der Unternehmens-IT habt ihr echte Wahlfreiheit. Ihr könnt euch Tools bauen, die exakt auf eure Bedürfnisse zugeschnitten sind. Aber ihr müsst verstehen, wo die strategischen Abhängigkeiten liegen und welche Abhängigkeiten sinnvoll sind.

Also frage ich dich direkt: Weisst du eigentlich, wo deine wichtigsten Geschäftsdaten liegen? Wer darauf Zugriff hat? Und was passiert, wenn der Anbieter von morgens auf abends die Bedingungen ändert?

Falls du bei diesen Fragen zögerst, dann ist jetzt ein guter Zeitpunkt, damit anzufangen.

Luca Conconi

Anpacken und umsetzen. Denken und dann sprechen. Luca kann so ziemlich gut beschrieben werden, wenn es darum geht, wie die Zusammenarbeit aussieht. Weniger der Visionär als mehr der bodenständige, ruhige und ausgeglichene Gutelaunebär. Ein Bär fehlt in der Haustiersammlung noch, dafür sind Kater und Hündin auch teilweise Gäste in Onlinemeetings.