Wenn KI Stellen streicht und nur die Rationalisierung im Vordergrund steht, kann das schon mal ins Auge gehen. Gerade in China geschehen. Doch was heisst das für uns in der Schweiz? Ein Meinungsartikel.

Kennen Sie diese Situation? Sie öffnen morgens die Nachrichten und lesen von der nächsten Entlassungswelle. 8'000 Stellen hier, 10'000 dort. Der Grund, den die Unternehmen nennen: Künstliche Intelligenz. Meta kürzt ein Zehntel der Belegschaft, Amazon über 30'000 Mitarbeitende, Oracle folgt mit weiteren Zehntausenden. In China wehrt sich ein Qualitätsprüfer vor Gericht gegen seine Kündigung und gewinnt.
Müssen wir uns über den Zustand unserer Arbeitswelt Sorgen machen?
Mark Zuckerberg formulierte es im Januar unverblümt: Eine einzelne Person könne heute Projekte abschliessen, für die früher ganze Teams nötig waren. 2026 werde das Jahr, in dem KI «die Art, wie wir arbeiten, dramatisch verändert». Kurze Zeit später werden 8'000 Menschen entlassen.
Hier zeigt sich ein Muster, das wir verstehen müssen: Die Produktivitätsgewinne durch KI fliessen nicht automatisch zurück an jene, die diese Arbeit bisher leisteten. Sie fliessen in Investitionen: 135 Milliarden Dollar allein bei Meta für KI-Infrastruktur. Das entspricht dem kombinierten KI-Budget der vergangenen drei Jahre.
Die Rechnung ist simpel: Mehr Maschine, weniger Mensch. Aber ist sie auch richtig?
In Hangzhou hat ein Gericht entschieden, dass der Ersatz durch KI keine «wesentliche Veränderung der objektiven Umstände» darstellt. Zhou, ein Qualitätsprüfer für Sprachmodelle, wurde gekündigt, nachdem seine Aufgaben von genau jenen Systemen übernommen wurden, die er beaufsichtigen sollte. Das Unternehmen bot ihm eine Stelle mit 40 Prozent Gehaltskürzung an. Er lehnte ab. Das Gericht gab ihm in zwei Instanzen recht.
Der entscheidende Satz im Urteil: «Technologischer Fortschritt mag unumkehrbar sein, aber er kann nicht ausserhalb eines rechtlichen Rahmens existieren.»
Bei uns wäre derselbe Fall vermutlich anders ausgegangen. Wir behandeln KI-Ersatz wie klassische Rationalisierung: Neue Maschine, alter Arbeitsplatz weg. Betriebsbedingte Kündigung, fertig. Die Frage, ob das Unternehmen auch eine Verantwortung trägt für die Konsequenzen seiner Effizienzentscheidungen, wird nicht zwangsläufig gestellt.
Was mich an der aktuellen Debatte irritiert: Wir diskutieren Kündigungszahlen, Rechtslagen, Investitionssummen. Wir diskutieren nicht, was eigentlich mit dem freigesetzten Wert passiert.
Meta macht Rekordgewinne. Die Produktivität steigt. Die Aktionäre profitieren. Aber 8'000 Menschen und viele von ihnen hochqualifiziert, viele von ihnen jene, die diese Produktivitätssteigerung erst ermöglicht haben, stehen vor verschlossenen Türen.
Ein Mitarbeiter nannte Metas neuste Entscheidung, alle Computer-Interaktionen für KI-Training zu protokollieren, «dystopisch». Angesichts der Entlassungswelle eine nachvollziehbare Einschätzung. Die Menschen, deren Arbeit die Modelle trainiert, werden ersetzt durch ebenjene Modelle.
Sie führen vielleicht kein Unternehmen mit 80'000 Mitarbeitenden. Aber die Logik, die hinter diesen Entscheidungen steht, ist skalierbar. Wenn ein Konzern argumentieren kann, dass KI-Effizienz Entlassungen rechtfertigt, wird diese Argumentation auch zwangsläufig in kleineren Dimensionen ankommen.
Die Frage ist nicht, ob Sie KI einsetzen. Die Frage ist, wie Sie die Gewinne verteilen.
Wird Ihr Buchhalter ersetzt, oder bekommt er die Möglichkeit, strategischere Aufgaben zu übernehmen? Wird Ihre Ingenieurin gekündigt, oder wird sie zu einem Bestandteil von Forschung & Entwicklung, was ihr Unternehmen ebenso voranbringen kann?
Chinas Gericht hat eine interessante Grenze gezogen: Eine unternehmerische Entscheidung zur Effizienzsteigerung ist nicht automatisch ein Kündigungsgrund. Das Unternehmen trägt Verantwortung für die Konsequenzen seiner Investitionen.
67 Prozent der US-Amerikaner erwarten laut Reuters-Umfrage «unkontrollierbare Folgen» durch KI. 71 Prozent fürchten massive Jobverluste. Das sind keine irrationalen Ängste sondern Beobachtungen.
Was die Statistiken leider übersehen: Unternehmen, die ihre Menschen als reinen Kostenfaktor behandeln, werden diesen Faktor wegrationalisieren. Unternehmen, die ihre Menschen als Quelle von Urteilsvermögen, Kundenbeziehung und Anpassungsfähigkeit verstehen, werden etwas behalten, das kein Modell reproduzieren kann.
Die Ironie an Metas Situation: Ein Unternehmen, das soziale Verbindungen monetarisiert, behandelt seine eigenen Mitarbeitenden als austauschbare Module.
Zusätzlich kommt ein ebenfalls spannender Faktor hinzu, der das Digital KI Barometer 2026 TIDIT kürzlich herausgegeben hat:
84% aller befragten Unternehmen in der Ostschweiz nutzen Künstliche Intelligenz, jedoch haben nur gerade etwas mehr als 30% eine Strategie dazu. Gleichzeitig schätzen Führungskräfte ihre digitale Kompetenz höher ein als bei den Mitarbeitern, wobei aber einhellig der Kompetenz- und Ressourcenmangel als Hindernis bei der Digitalisierung genannt wird.
Das wirft die Frage auf, ob KI zum Selbstzweck, zur Rationalisierung auf Kosten von Stellen oder zur effektiven Weiterentwicklung einer Unternehmung eingesetzt werden soll. Denn in jedem Fall sind Kompetenzen nötig, inhouse oder eingekauft. Nicht in allen Fällen sind die Auswirkungen der Transformationen dieselben.
Meta kann seine Mitarbeiterzahl halbieren. Amazon kann weitere 30'000 entlassen. Rechtlich ist das in den USA problemlos möglich. Selbst nur schon in Deutschland wäre der Grossteil dieser Kündigungen durchsetzbar.
Die Frage ist nicht die juristische. Die Frage ist die strategische.
Wer heute alle entlässt, die «ersetzbar» erscheinen, hat morgen niemanden mehr, der weiss, warum die Prozesse so sind, wie sie sind. Wer seine Belegschaft als Trainingsmaterial für KI behandelt, verliert das institutionelle Gedächtnis, das kein Modell speichern kann.
Oder wie es ein chinesischer Anwalt formulierte: «Unternehmen profitieren von Effizienzgewinnen, müssen aber auch soziale Verantwortung tragen.»
Das chinesische Urteil wird keine Präzedenzwirkung haben — so funktioniert das dortige Rechtssystem nicht. Aber es ist ein Signal. Ein Signal, dass die Frage nach Verantwortung gestellt werden kann. Dass der Verweis auf «technologischen Fortschritt» nicht jede Entscheidung rechtfertigt.
Das Barometer des TIDIT zeigt gleichzeitig auf, wo die Ursache vieler Ängste und Unsicherheiten liegen: Fehlende Weiterbildung und strategische Ausrichtung.
Eine mögliche Lösung, die keinen grossen Einfluss auf den Cashflow hat, ist ein Abo-Modell wie wir es von BEYONDER bieten. Bei welchem Weiterbildung schon fast institutionalisiert wird im Unternehmen. Denn durch fixe Termine entsteht Verbindlichkeit und durch breite Weiterbildung und stetige Updates eine Gruppe von KI-Advokaten innerhalb eines Unternehmens. Denn die lernende Organisation ist nicht seit gestern jene, die Adaption an neue Gegebenheiten am besten meistert.
Für Sie als Unternehmer, als Führungskraft, als Entscheider bleibt die Frage: Welche Art von Organisation wollen Sie sein?

Luca Conconi ist Co-Inhaber von BEYONDER und berät Schweizer KMUs beim strategischen Einsatz von künstlicher Intelligenz. Seine Basis: zehn Jahre Transformationsprojekte in der Druckindustrie. Vom ERP-Rollout bis zur durchautomatisierten Produktionskette. Als Projektleiter, der den Überblick behält, Veränderungen steuert und dafür sorgt, dass Systeme im Alltag funktionieren. Heute bringt er dieses Prozessdenken in die KI-Beratung: Strategie, Datenhygiene und Automation, immer mit dem Menschen im Zentrum. Er schreibt über die Schnittstelle von Technologie und Unternehmensrealität, lieber unbequem als gefällig. Wer Veränderung will und Experimente wagt, ist bei ihm richtig.